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Das syrische Rätsel

Seit der Krieg in Syrien tobt, die Bilder immer grausamer werden, die Propagandaschlacht jeden Tag neue Schlagzeilen liefert und kaum noch jemand weiß, wer aus welchem Grund gegen wen kämpft, hab ich ein Problem.
Das Problem entsteht vor allem dann, wenn ich meine Erfahrungen in und mit diesem Lande mit den vorherrschenden Erklärungsmustern der westlichen Medien in Einklang zu bringen versuche. Für die ist der „Schlächter Assad“, der sein eigenes Volk vergiftet, ermordet und vertreibt, die einzige Wurzel allen Übels, während die zahlreichen Terrorgruppen, allen voran die IS und Al-Qaida, an der Seite des Vokes für die gerechte Sache kämpfen und dabei eben auch mal über die Stränge schlagen. Der behauptete Giftgas-Einsatz durch reguläre syrische Truppen wurde Thema in höchsten internationalen Gremien, die jetzt noch andauernden Greueltaten durch verschiedene Splittergruppen der islamistischen Soldateska schaffen es nicht einmal bis in die Redaktionsstuben der westlichen Medien. Ein wenig mehr in LiveLeak zu stöbern wäre da schon hilfreich, wobei es zugegebenermaßen nicht einfach ist, zwischen Propaganda und Fakten zu unterscheiden, aber das ist ja auf den meisten Kriegsschauplätzen nicht anders.

Ich frage mich allerdings immer mehr, in welchem Syrien ich meine zahlreichen Besuche machte, wenn mir dabei völlig entgangen wäre, dass der Großteil der Bevölkerung einen Gottesstaat nach dem ISIS-Muster herbeisehnte. Eine qualifizierte Mehrheit der Bevölkerung lebte und arbeitete in den Großstädten Damaskus und Aleppo, entsprechend war auch die Verteilung der Wirtschaftskraft. Man schätzte die angenehmen Seiten des westlichen Lebensstils ohne die eigenen Traditionen zu vernachlässigen. Voll verschleierte Frauen sieht man in Damaskus außerst selten, jedenfalls weniger als in Berlin oder Frankfurt. Von einer verschwindenden Minderheit abgesehen hat sich diese städtische Bevölkerung mit Sicherheit keinen Umsturz oder Bürgerkrieg gewünscht, zumal ja nicht nur die unübersehbare Schar von Beamten sondern auch zahlreiche Wirtschaftsunternehmen bis hin zu Kleinunternehmern und den Händlern der Suks Nutznießer des Systems waren.

Ja, man kann sagen, Syrien hat seine Bürger überwacht und kontrolliert in einer Polizeistaatsvariante, wie sie in den meisten arabischen und afrikanischen Ländern üblich ist. Freunde haben mich so lange verrückt gemacht mit der Behauptung, dass die Wanzen in den Zimmern eines bestimmten Hotels in den Lichtschaltern verborgen seien, bis ich alle Schalter, Steckdosen und Lampen aufgeschraubt und überprüft hatte. Naürlich ohne irgendetwas zu finden. Eine auffällige Polizeipräsenz hat es außer in der Verkehrsregelung nirgends gegeben. Ich kann mich an keine anlasslose Polizeikontrolle erinnern, was ich in anderen Ländern des Kontinents anders erlebt habe. Im Gegensatz zu manch anderen arabischen Großstädten war es die gemeinsame Erfahrung der allermeisten Ausländer, dass man sich ohne jegliche Einschränkung überall frei bewegen konnte und man selbst nachts ohne Gefahr für Leib und Leben seines Weges gehen oder fahren konnte. In dem Café am Bab Touma konnte jeder am Abend auch öffentlich ein kühles Bier vom Fass trinken und anschließend einen nächtlichen Spaziergang durch die Gassen der Altstadt machen. Das kann man sonst allenfalls noch in Marokko machen, aber sonst fällt mir da kein arabisches Land ein.
In der Altstadt von Damaskus kann man auch eine christliche Kirche mit normalem Betrieb besuchen. Überhaupt ist Syrien das mit Abstand toleranteste arabische Land, toleranter als die EU-Beitritt anstrebende Türkei, wo ja Priester und Ordensleute verfolgt und bedroht werden. Auch Klöster existieren nicht nur, sondern wurden vom Staat auch geschützt. Das alles wäre wohl recht schnell Vergangenheit, wenn die marodierenden Milizen die Oberhand gegenüber den Assad-Truppen gewännen. Und diejenigen, auch unter den Journalisten, denen jedes Mittel recht ist, solange nur Assad beseitigt wird, haben ganz offensichtlich nicht die Spur einer Ahnung, was sie da vertreten.
Gewiss, Assad ist kein Waisenknabe, aber der Hass, den er von manchen auf sich gezogen hat, hat womöglich mehr mit dem harten Regime seines Vaters zu tun als mit seinen eigenen Taten. Die Syrer sind klug und es gibt eine relative breite gebildete Mittelschicht. Nur wenige lieben Assad, aber die überwiegende Mehrheit hat sich irgendwie mit dem Regime arrangiert. Sozusagen zur Sicherheit und für alle Fälle haben viele, die es sich leisten konnten, im Ausland studiert und dort auch gearbeitet, nicht wenige haben diese Gelegenheit genutzt, eine zweite Staatsbürgerschaft zu erwerben, wo dies möglich war, z.B. in Kanada. Einen Teil ihrer Einkünfte hatten sie ja schon lange lieber in libanesischen Banken angelegt.
Dennoch hat sich eine Katastrophe dieser Dimension niemand vorstellen können. Das Rätsel ist, wieso konnte das passieren, was so niemand wollte. Dass die so genannte Opposition in kurzer Zeit auch militärisch auftrumpfen konnte, lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass sie im Wesentlichen von außen ausgerüstet, gestützt und gesteuert wurde. Was inzwischen alle, auch die, die gegen ihren Willen benutzt wurden, begriffen haben, ist, dass es in diesem Konflikt keinen Gewinner gibt und keinen geben kann. Auch wenn viele westliche Mainstream-Journalisten aufschreien würden, muss man ganz nüchtern betrachtet feststellen, dass das Beste, was dem Land passieren kann, ist, dass Assad sich, wenigstens noch für ein paar Jahre, an der Macht halten kann. Alles andere wäre nur noch ein Albtraum.

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